Der Leonberger 1872

Cäsar und Stiefel
Große Hunde
zu besitzen, ist bekanntlich jetzt eine immer mehr verbreitete Liebhaberei oder Mode bei Manchmal, wenn gerade die Alten mit ihren langbehaarten Schweifen dem Auge zunächst
waren, glichen sie einem Rudel Wölfe, welches auf der Spur eines Wildes dahinjagte,
während andere Male, wenn man die Jungen mit ihren noch kurzhaarigen Schweifen am
nächsten sah, die ganze Gruppe an eine Löwenfamilie erinnerte, wie sie in alten Zeiten
über die schneebedeckten Gebirge Griechenlands geeilt sein mögen. Bildung muß sein!" Und so sollte denn unser Cäsar sich diese zu seiner
Schönheit auch noch aneignen und wurde im Frühling des vorigen Jahres zu einem alten
Jäger in einer anderen Stadt, welcher sich seit vielen Jahren mit Hundedressur
beschäftigt und schon Hunderte von Hunden dressirt hat, in die Lehre gegeben. Aber schon
nach drei Tagen kam, nicht etwa der Hund, wie man denken wird, sondern der Dressirer, und
bat den Herrn Cäsar's, doch mit ihm zu kommen, da sich das Thier nicht bändigen lasse
und ganz wüthend sei. So war es auch. Cäsar hatte allen Bildungsversuchen des ihm
Fremden mit fletschenden Zähnen Hohn gesprochen, hatte sich nicht anrühren, am
allerwnigsten strafen lassen. Sein Herr fand das Thier, welches in der ganzen Zeit nicht
gefressen hatte, ganz erregt, legte es an eine Kette, aber nach seinem Fortgehen schallte
noch eine Viertelstunde lang das jammernde Geheul des in seiner Hoffnung auf Befreiung
getäuschten Thieres hinter ihm her. Sieben Wochen lang wurden die Versuche der Dressur
fortgesetzt, aber ohne allen Erfolg, und als nun sein Herr sich endlich entschloß, ihn
abzuholen, schien das Thier ganz stumpf, folgte zwar, aber doch ganz theilnamslos dem
Wagen und erholte sich erst nach Monaten wieder zu seiner früheren Lebhaftigkeit. Man
könnte streiten, ob diese Geschichte für oder gegen den Werth des Hundes spricht, für
eine edle Anhänglichkeit an seinen Herren spricht sie jedenfalls, und diesem muß er
dadurch nur werther geworden sein. Uebrigens hat Cäsar nach der Hand durch seinen Herrn
in wenigen Wochen Alles gelernt, was dieser wünschte. Von ihren Zähnen machen überhaupt diese Hunde, um ihre Privatzwecke zu erreichen, einen sehr ausgiebigen Gebrauch und welche Kraft sie dabei entwickeln, mag Folgendes beweisen. Das für die Hunde bestimmte Fleisch wurde früher in einem Raum auf dem Hofe aufbewahrt, welcher durch eine Lattenthür verschlossen war. Mehrere beobachtete Versuche seitens der Hunde, die Latten durchzufressen, wurden zwar bestraft, trotzdem waren eines natürlich schönen Morgens die Latten zerbissen und das Fleisch verschwunden. Dies wiederholte sich mehrere Male und die Thiere lagen dann stets früh wie todt da, so hatten sie sich vollgefressen. Nun wäre das an sich eine ganz hübsche Beobachtung gewesen, und wenn die Hunde ihrem Herrn mehr wegfraßen, als sie sollten, so hätte man schließlich auch hier sagen können: "Er hat`s, er kann`s, wohl bekomm`s ihm, Amen!" Aber die Sache war doch weder in der Ordnung, noch den Thieren gesund, und so wurde denn nun eine vollkommene Holzthür eingesetzt, und der schlaue Hausmann hing obendrein das Fleisch noch in einm Korb an die Decke, und rieb sich vergnügt die Hände. Aber trotzdem, und diese Energie der Hunde ist erstaunlich, war am anderen Morgen die Thür offen, der Korb leer am Boden, die Hunde aber lagen um so voller im Hofe. Die Thiere hatten die Schlagleiste abgerissen, so die Thür aufgesprengt, hatten vom Hackeklotz aus, auf welchen der Hausmann beim Aufhängen des Fleisches gestiegen war, den Korb ausgehoben und heruntergeworfen. Jetzt wurde das Fleisch vier Treppen hoch hinter einer Doppelthür verwahrt, aber auch hier wurden die Schlagleisten durchgebissen, die Thür also abermals gesprengt und das Fleisch geholt, bis zuletzt Nichts übrig geblieben ist, als das Fleisch gleich hinter einer überall mit Eisenblech beschlagenen Thür aufzubewahren. Diese Neigung zu Diebereien ist besonders stark bei Minka, wenn sie tragend ist oder Junge hat. Wenn man z.B. als Gattin des Besitzers eine Kalbskeule zu russischem Salat bestimmt und zum Abkühlen in ein Zimmer des Erdgeschosses gestellt hat, ohne daß vielleicht die Thür fest genug geschlossen ist, so kommt Minka am hellen Tag gleich einer Katze in die jetzt leere Stube geschlichen, packt die kaum hingestellte, also noch heiße Keule des Kalbes, entflieht mit ihr, und wenn einige Minuten danach die vortreffliche Keule vermißt wird, und Minka nicht blos an den Pfotenabdrücken, sondern auch auf der Flucht als Dieb erkannt worden ist, so liegt sie doch ganz harmlos in ihrer Hütte. Alles Suchen nach dem wesentlichen Bestandteil zum russischen Salat bleibt vergebens, und erst Abends wird Minka erwischt, wie sie eben den Rest der verflossenen Kalbskeule verzehrt. Sie hatte dieselbe sofort nach dem Raube im Garten vergraben und mit großer Weisheit die Zeit der Aufregung erst vorübergehen lassen. Man wird vielleicht sagen: "Das sind schlechtgezogene Hunde", aber erstens sind es nicht meine Hunde, und andererseits wäre erst noch der Beweis zu liefern, ob es überhaupt möglich ist, Hunden solche Unarten abzugewöhnen, wenn man ihnen einmal so viel persönliche Freiheit läßt, wie es hier der Besitzer auf Grund eigener Erfahrung zur schöneren Entwicklung der Thiere für gerathen hält. Wenn man jeden Hund in der Nacht an der Kette hält, auch am Tage ihn nicht ohne directe Aufsicht läßt, so kommen solche Sachen natürlich nicht vor, aber nicht weil der Hund besser gezogen ist, sondern weil es ihm eben unmöglich ist, zu sündigen (was ja auch bei`m Menschen eine sehr billige Tugend ist), und es ist selbstverständlich, daß bei einem Thier die ihm eigenthümlichen Instincte, und der Hund ist doch ein Raubthier, sich um so mehr entwickeln werden, je mehr ihm die natürliche Freiheit gelassen wird. Mir ist ein solcher Hund viel interesanter als eine gutgezogene willenlose Schlafmütze, die den Charakter, zu dem sie eigentlich verpflichtet ist, fortwährend verleugnet. Die gemeinschaftlichen Spaziergänge mit den Hunden in`s Freie habe ich schon erwähnt.
Für die Hunde, natürlich alle ohne Halsband und Maulkorb, als in makelloser Kopf- und
Halsbehaarung, ist dies ein Hochgenuß, um so größer aber der Schmerz, der ihre Seele
durchbebt, wenn ihnen einmal beim Ausgange des Herrn das Hofthor verschlossen bleibt.
Unendliches Heulen und Bellen erschallt, alle richten sich am Gitter auf, oder springen an
demselben mit verzweifelten Sätzen empor, bis der Herr ihren Augen entschwunden ist oder
ein menschliches Rühren fühlt und Gewährung winkt. Geht dann aber das Thort auf, so
fliegen gleich abgeschossenen Pfeilen die Thiere hervor, der sich zuerst durchdrängende
Cäsar voran, aber bald überholt von der schlanken Minka, und hinter ihnen mit
fröhlichem Geheul die Jungen. Höchlich muß man sich dann in Acht nehmen, von den
überfreudig heransetzenden Hunden nicht umgeworfen zu werden, besonders wenn, wie zur
Zeit meiner Anwesenheit, Glatteis ist. Durch solche öftere Begleitung ist natürlich bei
den Hunden die Vorstellung des selbstverständlichen Mitgehens bei jedem Gange entstanden,
und sie suchen daher, sowie sie ihren Herrn vermissen und auf irgend eine Art aus dem Hofe
herauskommen, denselben schleunigst, nicht etwa durch bloße Deputation, sondern in ganzer
Masse, auf und finden ihn stets, sei es im Schulexamen, Gerichtssaal, Rathhaus, was gewiß
sehr interessant, aber nicht immer angenehm sein mag. Auch auf stundenweit entfernte Orte
folgen sie der Spur ihres Herrn, suchen ihn der Reihe nach in jedem Orte, wo er sich
aufgehalten, und freuen sich dann ganz unmenschlich, wenn sie ihn endlich gefunden, mag
auch die Toilette, in der sie sich z.B. bei schlammigem Wege ihrem Herrn vorstellen,
andere Gefühle bei demselben hervorrufen.
Hier bei Cäsar, dem sein Herr vom Beginn der Arbeit bis zum Schluß in seinem Modellstehen als so recht eigentlicher "Beistand" half, war es eine Lust, das Thier zu malen, denn da er fortwährend seinem Herrn Wurst aus der Hand fressen konnte, allerdings aus der fast geschlossenen Hand, damit er nicht zu schnell satt wurde, so fand sich Cäsar sehr bald in sein dankbares Amt, und lag manchmal schon bereit vor der Thür, wenn wir zur Arbeit ankamen. Ich sage ausdrücklich "wir", denn man muß in der That eine so ernste Bestrebung, den Maler beim Malen eines Thieres zu unterstützen, als eine wirkliche Arbeit betrachten, ja es kann unter Umständen eine Anstrengung werden. Dies war wenigstens der Fall, als es sich darum handelte, die Kopfstudie, welche noch als Holzschnitt in dieser Nummer abgedruckt ist, zu malen. Es war dabei die Aufgabe, Lebhaftigkeit in Haltung und Auge zu bringen, und bei dem Umstande, daß solche große Hunde sehr von der Hitze leiden und sich immer legen wollen, um Kühlung vom Boden zu haben, war dies eine ziemliche Schwierigkeit. Wurst wollte er nicht mehr, auch hätte Füttern nichts geholfen, da es sich um den Kopf von vorne handelte. Wie halfen wir uns also? Herr Sulry, Stiefels Besitzer, der glücklicherweise anwesend war und viele Thierstimmen vortrefflich nachahmen konnte, stellte sich hinter die geschlossenen Thür des Nebenzimmers, pochte und polterte mitunter an dieselbe, ahmte das Heuleneines gebissenen Hundes, das Bellen eines anderen, kurz, verschiedene für Cäsar interessante Thierstimmen nach, so daß Cäsar nothgedrungen seine Aufmerksamkeit dem Leben hinter der Thür zuwandte und einigemal sogar aus seiner sitzenden Stellung, die wir ihm aufgezwungen hatten, aufspringen wollte. Freilich, lange durfte ein Ton nicht wiederholt werden, denn er merkte sehr bald den Schwindel, aber im Wesentlichen führte doch die Sache zum Zweck. Das Thier in seiner sitzenden Stellung zu erhalten, war dabei die Aufgabe seines Herrn und da sich Cäsar an diesen zuletzt mit seinem ganzen Gewicht anlehnte, so athmete ich bei meiner Theilnahme für menschliches Leiden selbst auf, als wir Alle mit dieser Studie fertig waren. Indem ich im Begriff bin, diese Zeilen zu schließen, lese ich, daß in diesem Jahre durch einen zusammengetretenen Verein in Dresden eine große Hundeausstellung veranstaltet werden soll, und erinnere mich dabei, daß schon damals der Besitzer Cäsar´s eine Einladung von Dresden bekam, sich an der Veranstaltung dieser Ausstellung zu betheiligen. Er wird dies ohne Zweifel thun und so wird mancher Leser der Gartenlaube Gelegenheit haben, Herrn Cäsar noch von Angesicht zu Angesicht zu sehen und zu bewundern. Allerdings ist es zweifelhaft, ob er da noch im Fell so schön sein wird, wie in der Winterszeit, ein prachtvolles Thier wird er aber immer noch sein, und es wäre schon möglich, daß ein noch größeres Gebot als das bereits einmal geschehene von siebenhundertfünfzig Rubel (etwa siebenhundert Thaler) auf ihn gemacht würde. Es ist bekannt, daß die Leonberger Hunde in der Regel gegen kleine Kinder höchst duldsam sind, und sich insbesondere von den Kindern ihres Herrn Alles gefallen lassen. Auch mit dem kleinen Knäbchen des Herrn Bergmann ließ sich dies beobachten. Komisch war es übrigens anzusehen, wenn das kleinere der Kinder, einundeinviertel Jahr alt, neben Cäsar stand, und mit seinem Kopfe bei weitem noch nicht an den Rücken des mächtigen Thieres reichte. An einen Schlitten gespannt ziehen die Hunde denslben mit den Kindern und wohl auch ihrem Herrn in sieben Minuten nach einem eine halbe Stunde entfernten Ort. Liegen die Kinder im Freien auf den Hunden und schlafen, so rühren diese sich nicht, zeigen aber jedem sich nahenden Fremden die Zähne. Und wird ihnen von den Kindern vielleicht einmal zu übel mitgespielt, so gehen sie ruhig in eine andere Ecke, ohne ein Zeichen des Unwillens. Das sind zwar oft und überall vorkommende Sachen, aber sie helfen das Bild von dem hier geschilderten interessanten Hundeleben vervollständigen, und darum durften sie auch hier zum Schlusse nicht fehlen.
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